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European Media Artists in Residence Exchange EMARE MEXICO 2012
EMARE MEX Jury 2012: Juan Martin Cárdenas (CANTE), Omar Sánchez (CMM), Arjon Dunnewind (Impakt), Omar Kholeif (FACT), Peter Zorn (Werkleitz), Jean-Pascal Vial (Bandits-Mages) (v.l.n.r.)

Mexiko zieht die Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft von Generationen von Europäern auf sich – unter ihnen so berühmte Künstler wie Luis Buñuel, Sergej Eisenstein oder Antonin Artaud. Gleichzeitig stellt Europa schon seit langem einen wichtigen Ausgangsort für kulturelle Entwicklungen in der Kunst und im Design dar, von dem sich mexikanische Größen wie zum Beispiel Diego Rivera inspirieren ließen.

Die ausgewählten Künstler von .move forward erforschen so wie ihre berühmten Vorgänger die Kultur ihres Gastgeberlandes, Städte und Natur, Politik und Ambiente, während sie an ihren Projekten in den Laboren und Studios der jeweiligen Gastinstitutionen arbeiten.

Die Vielzahl der unterschiedlichen Formate, die die Künstler dabei anwenden, demonstriert die Heterogenität heutiger Medienkunst: Von Video und interaktiven Installationen, internetbasierten Arbeiten bis hin zu Performances. Die Medialität steht dabei aber meist nicht im Vordergrund, denn genauso divers wie die Formate sind die dabei verhandelten Themen, die von den Künstlern selbst gewählt wurden: Urbanität und Landschaft, Religion und Wissenschaft, Tradition und Migration, Globalisierung und Klimawandel, taktische und technische Medien, Realität und Virtualität, Anarchismus oder die kapitalistische Vereinnahmung revolutionärer Ikonen. 

Die künstlerischen Projekte mexikanischer und europäischer Stipendiaten werden während des Werkleitz Festival in der Austellung .move forward – new mexican and european media art vom 5. bis 21. Oktober 2012 in Halle (Saale) zu sehen sein.

Der interkulturelle Dialog während der Stipendienaufenthalte wird während des Festivals durch das Prinzip der Respondenten gespiegelt. Die von Werkleitz eingeladenen Kuratoren und Theoretiker setzen sich in ihren Katalogtexten und den Artist Talks mit der jeweiligen Arbeit eines teilnehmenden Künstlers auseinander.

Ebenso greift das begleitende Filmprogramm die Innen- und Außenperspektive wieder auf, in Entsprechung zu dem nativen gegenüber dem fremden Blick. Neben Sergej Eisensteins berühmten unvollendeten Opus ¡Qué viva México! in Livebegleitung von Musikern der mexikanischen  Kultband Sonido Changorama, portraitieren und sezieren die beiden künstlerischen Kurzfilmprogramme México afuera (Mexiko von Außen) und México adentro (Mexiko von Innen) ein faszinierend ambivalentes Land.

Mexikanische Medienkünstler wurden zu einem zweimonatigen Stipendium bei IMPAKT (Utrecht, Niederlande); Bandits-Mages (Bourges, Frankreich); FACT (Liverpool, Großbritannien) und bei Werkleitz Zentrum für Medienkunst in Halle (Saale), Deutschland eingeladen. Im Gegenzug reisen die europäischen Künstler für ihr zweimonatiges Projektstipendium dieses Mal zu unseren Partnerzentren Centro Multimedia in Mexiko Stadt und Centro de Arte y Nuevas Technologías (CANTE) in San Luis Potosí.

Das Hauptziel des Austausches ist es die Kooperation der europäischen und mexikanischen Künstler mit Partnerorganisationen aus Übersee zu ermöglichen und dadurch feste Bindungen zwischen Künstlern, Institutionen und der jeweiligen Szene zu etablieren.

Nach der erfolgreichen Erweiterung des European Media Artists in Residence Exchange (EMARE) in das European Media Art Network (EMAN) im Jahr 2008 und der Abschlussausstellung .move – new european media art in 2009 in Halle (Saale), geht EMAN nun also einen großen Schritt weiter in die „Neue Welt“ mit EMARE MEX 2012-2013.

Ausstellungsparcours
© werkleitz

Keine Kunsthalle, kein Museum, kein Theater, sondern ein innerstädtischer Straßenzug ist Ausstellungsort von .move forward. Der für .move forward entwickelte Ausstellungsparcours im Stadtzentrum von Halle (Saale) erstreckt sich auf einer 500 Meter langen Route vom Stadtbad durch die Große Steinstraße bis zum Varieté am Steintor. Ein legendäres Hotel, die Reste eines Kinosaals und eine einstige Feuerwache sind weitere markante Orte des Parcours.

Die Entwicklung von Ausstellungsorten jenseits von für den Kunstbetrieb institutionalisierten Räumen ist langjährige Praxis von Werkleitz. Für ein Festivalthema wie ZOO (2011) den Hörsaal der halleschen Zoologie als Kino zu eröffnen, ist naheliegend, den Volkspark als einstiges Kommunehaus der halleschen Arbeiterschaft bei Common Property (2004) einzusetzen, ist die Verortung einer Idee. Mit .move forward wird die Stadt selbst zum Ausstellungsort.

Die Orte der Ausstellung .move forward haben voneinander unabhängige Bedeutungen. Die jeweilige Geschichte der Orte ist aus ihren überkommenen Bezeichnungen (Schauburg, Feuerwache, Varieté) zu erahnen. Ihr Zustand, ihre spezifische Architektur und Gliederung sowie ihre verschiedenen Texturen lassen weitere Mutmaßungen zu. Einige der gezeigten Arbeiten sind auf ihren Ausstellungsort zugeschnitten, andere mussten für die Besonderheiten des Ortes weiterentwickelt werden.

Die unmittelbare Nachbarschaft mehrerer exponierter, zum größten Teil brachliegender Orte macht die Zusammenschau der Arbeiten im Parcours möglich. Eine komfortable Leere ist die Raumsituation des Ausstellungsparcours, sie kennzeichnet den Alltag dieser Straße. Um in Vorbereitung der Ausstellung mehr über den Alltag der Straße berichten zu können, initiiert Werkleitz Radiogespräche mit Anwohnern und Akteuren des Quartiers, in ihnen werden zugleich die verschiedenen, an die Entwicklung des Quartiers geknüpften Erwartungen vorgestellt.

Megacity versus schrumpfende Stadt:
Die Große Steinstraße und das Steintor gehören zu den aktuellen Entwicklungsgebieten von Halle. Eine versprochene künftige wirtschaftliche Prosperität des Quartiers lässt sich zunächst aus seiner Funktion ableiten: Das Steintor als zentraler Verkehrsplatz ist das Portal in die Stadt, die Große Steinstraße führt direkt zum Marktplatz. Maßgeblich für eine solche Entwicklung sind jedoch der Rückbau der Großwohnsiedlungen im Westen und Süden der Stadt sowie die Konzentration auf die zentrumsnahen Quartiere. Im Gegensatz zu Mexico City schrumpft die Stadt Halle (Saale) auf ein historisches Zentrum zurück. Insofern bestehen die Anziehungspunkte zwischen beiden Städten einmal mehr in ihrer Verschiedenheit.